Ist Statistik das Bollwerk des Establishments? Ich denke nicht und habe mir daher das Ergebnis der 2. Stichwahl der Bundespräsidentenwahl näher angeschaut und mit der Gemeinderatswahl verglichen.

Was wird da bitte verglichen?

D’accord, eine BP-Wahl ist eine Persönlichkeitswahl, eine Gemeinderatswahl nun mal eine Listen(/Partei)-Wahl, die Wahlkampfdynamik funktioniert anders und die unterschiedliche Wahlbeteiligung lässt in der Regel auch keine Vergleiche zu. Warum ich es trotzdem mache? Ganz einfach, weil die Wahlbeteiligung annähernd gleich ist, die Polarisierung ähnlich hoch war und ich hier nur eines beleuchten möchte: die Freiheitlichen, ihr Potential in der Stadt und wie wir damit umgehen sollen – aus einer rein politstrategischen Sicht.

Ausgangslage

Alexander Van der Bellen erreichte bei der Stichwahl 65,7%, Norbert Hofer 34,3%, bei der GRW 2015 erreichte die FPÖ 30,8%. Die FPÖ erreicht unter vollster Mobilisierung für ein Amt, welches in der allgemeinen Wahrnehmung kaum realpolitische Macht hat, und mit einem Kandidaten, der unverbraucht ins Rennen gegangen, rhetorisch begabt und obendrein ein Kreidefresser sondergleichen ist, gerade mal 34,3% gegenüber dem Grünen Professor. Laut SORA (bezieht sich auf ganz Österreich) haben fast 2/3 der VdB WählerInnen als Wahlmotiv Hofer verhindern zu wollen angegeben – der Wert wird in Wien noch höher gewesen sein.

Was bedeutet das?

Das bedeutet in erster Linie: Der blaue Plafond liegt bei rund 35%, sie erreichen diesen Wert unter extrem günstigen Bedingungen, aber nicht mehr, rund 2/3 der WienerInnen lehnen die FPÖ und ihre Hetzpolitik schlichtweg kategorisch ab. Das liegt u.a. an einem moralischen Damm, den fast alle anderen etablierten Parteien in Wien gegenüber der freiheitlichen Hetzpolitik errichtet haben. Bohrt man Löcher in ihm, wie es viele SozialdemokratInnen und ÖVPlerInnen in den Bundesländern tun, rinnt man unweigerlich in diese Richtung aus. Das Paradebeispiel dafür ist das Burgenland, aber auch die ÖVP Wien, die mangels Haltung von Wahl zu Wahl mehr ihre WählerInnenschaft an beide Lager abgibt.

2/3 ansprechen oder 1/3 fokussieren?

Wenn man diesen Schlussfolgerungen Folge leistet, stellt sich unweigerlich die Frage: Was zum Teufel diskutieren wir eigentlich die ganze Zeit? Wir sollen unsere ganze politische Kraft nur auf das Gewinnen des einen Drittels fokussieren, anstatt zu versuchen die anderen zwei Drittel an uns zu binden? Rein taktisch macht das keinen Sinn, jeder Schritt in Richtung freiheitlicher Politik entfremdet uns mit 2/3 der WählerInnenschaft. Kann das ein Erfolgsmodell sein? Wohl kaum. Bleibt die Frage, warum sich mit vier Parteien um 2/3 der WählerInnenschaft zanken und den Freiheitlichen das übrige Drittel überlassen? Erstens, aufgegeben wird ein Brief, aber sicher keine Menschen, wir müssen diese freiheitlichen WählerInnen von unseren Inhalten, von unserer Haltung überzeugen – ohne dieselbige aufzugeben. Zweitens, die ÖVP Wien buhlt gar nicht mehr um die Mitte sondern versucht im freiheitlichen WäherInnenreservoir zu wildern. Drittens, auch wenn’s manche nicht akzeptieren wollen, die Schmied/Schmiedl-Geschichte stimmt einfach: wenn wir authentisch und stringent bei unserer Haltung und unserer Politik bleiben, werden uns die Menschen zumindest glauben, schwenken wir einmal um, wars das dann: wir sind unglaubwürdig und für lange Zeit der Schmiedl.

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